Gschichtldrucker

Von einem Schreiber – für Schreiber

Geisterjäger John Sinclair und der Kampf mit der Schreibmaschine

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Groschenhefte. Schundromane. Trivialliteratur. Die Bezeichnungen für Heftromane sind ja nicht gerade schmeichelhaft. Als ich ein Kind bzw. Jugendlicher war, waren die Hefte bei uns daheim verpönt. Dabei kann ich mich noch erinnern, dass mein Vater einmal einen Roman über einen Pall-Mall-kettenrauchenden Privatdetektiven namens John Dunn (die Figur basierte übrigens auf einem Comic, den ich so zwischen 13 und 14 zeichnete) an der Schreibmaschine anfing. Und soweit ich mich erinnere, ging es in die Richtung Heftroman, die mein Vater eigentlich ablehnte. Sei’s drum, ich kam nie in den Genuss der Abenteuer von Jerry Cotton, Lassiter oder Perry Rhodan, obwohl mich ihre Cover in der Trafik, in den Bahnhofskiosks oder in den Romanschwemmen mehr als nur anlachten.

Und dann kam man in ein Alter, in dem man sich anderen Dingen zuwendete. Erst die TV-Doku „Die Kunst der Schundliteratur“ (A 2009) von Werner Boote (bekannt für seine Dokumentationen „Plastic Planet“ und „Population Boom“), die einen Blick auf die Autoren der Romanhefte warf, machte mir diese Literaturszene erstens wieder bewusst, zweitens klar, wie viel Arbeit dahinter steckt, im Wochenrhythmus neue Geschichten zu entwerfen.

Einer der Helden dieser Romane ist John Sinclair, seines Zeichens Geisterjäger. Ob Zombies, Vampire, Werwölfe, Ghoule oder Hexenmeister – seit 1973 macht der wackere Mann im Auftrag von Scotland Yard und des Bastei Verlags Jagd auf diese unheimlichen Entitäten. Sinclairs „Vater“ heißt Helmut Rellergerd. Dieser Name ist wohl eher Insidern bekannt, das Pseudonym Jason Dark hat sich aber als fixe Marke etabliert. Seit über 40 Jahren schreibt Rellergerd wöchentlich einen Roman fertig. Und selbst heute – im Zeitalter des Computers – geschieht dies mit einer Schreibmaschine.

Band 1.928, erschienen am 23.06.2015 im Bastei Verlag

Band 1.928, erschienen am 23.06.2015 im Bastei Verlag

Nein, Helmut Rellergerd ist wahrlich kein Freund des Computers. Diese Tatsache lässt er im Telefoninterview mit den Schreibmaschinisten (einer meiner vielen Blogs, beschäftigt sich mit Schreibmaschinen) immer wieder durchblitzen. Wie auf dem Foto hier ersichtlich, arbeitet der Autor, der im Jänner erst seinen 70. Geburtstag feierte, mit einer grünen Olympia Monica.

Spätestens um acht Uhr in der Früh verwandelt sich Rellergerd in seinem Haus in Bergisch Gladbach bei Köln in Jason Dark und bearbeitet im Arbeitszimmer seinen „Hackkasten“, wie er seine mechanische Schreibmaschine leicht despektierlich nennt, im 2 ½-Finger-System. (Anm.: Ich versuche mir gerade vorzustellen, welche Finger er damit meint.) An die 2.000 Romane hat er so geschrieben – und als Puffer hat er noch zwölf Manuskripte auf Halde liegen. Sicher ist sicher.

Die Heftromane entstehen irgendwie verkehrt herum. Zuerst steht nämlich das Titelbild – und darauf aufbauend wird dann der Roman geschrieben. Rellergerd erhält vom Bastei Verlag mehrere Titelbilder zur Auswahl. Jenes, das ihn am meisten inspiriert, wird mit einem Titel versehen zurückgeschickt. Danach geht es an die Arbeit.

Der Roman wird in einem Guss getippt, Ausbesserungen erfolgen dann noch höchstens mit dem Kugelschreiber. Zwischen acht und zwölf Uhr werden ungefähr 20 bis 30 Seiten pro Tag produziert. Um das Romanformat von 65 Seiten zu befüllen, braucht Mr. Dark 100 maschingeschriebene Seiten, erzählt er. Erst am Tag vor dem Interview hat er wieder einmal sein Lieblingswort geschrieben. „Und wissen Sie, welches das ist? ‚Ende!’“, schmunzelt Rellergerd.

Bis vor kurzem hat Jason Dark noch vier Romane pro Monat geschrieben. Doch auf Drängen seiner Frau tritt der Schriftsteller nun etwas kürzer. Heute schreibt er „nur“ noch drei Romane im Monat. Im Laufe seiner über 40 „Berufsjahre“ hat der Vielschreiber nur zwei Schreibmaschinen verschlissen, die Olympia Monica ist nun sein drittes Arbeitsgerät (Anm.: Man rechne das bitte mal in Computergenerationen um.) Dabei pflegt er die Maschine nicht einmal besonders. „Das einzige, was ich mache, ist die Typen mit einer Stecknadel zu reinigen.“ Da auch Reparaturwerkstätten für Schreibmaschinen immer seltener werden, hat sich Rellergerd vorsorglich zwei Ersatzmaschinen zugelegt. Neben seinen Kofferschreibmaschinen hatte er auch mal eine Reiseschreibmaschine. „Die habe ich aber meinem Enkel geschenkt. Der tippt so gerne damit.“

© Olivier Favre

© Olivier Favre

Aber auch Rellergerd merkt, dass die Ressourcen für Schreibmaschinenartikel knapp werden. „Vor einiger Zeit gab es einen Mangel an Pelikan-Farbbändern. Da musste ich zum ersten Mal etwas machen: Und zwar über Amazon bestellen“, erzählt der Schriftsteller im Tonfall eines Verschwörers.

Trotzdem will er nicht mit dem Computer arbeiten. Man merkt Rellergerd den Widerwillen im Gespräch richtig an. Das Arbeiten mit der Schreibmaschine habe sogar eine prophylaktische Wirkung, ist der 70-Jährige überzeugt. Anders als bei einer Computertastatur, wo die Hand starr über den Tasten schwebt und sich nur die Finger bewegen, würde man bei der Schreibmaschine mit der ganzen Hand und den Armen arbeiten. „Ich habe noch nie eine Sehnenscheidenentzündung gehabt. Auch keinen Tennisarm – im Gegensatz zu einigen meiner Kollegen“, konstatiert der Schriftsteller.

Ob vom Verlag nicht mal der Hinweis gekommen sei, dass es vielleicht ganz hilfreich wäre, das Manuskript in einer Computerdatei zu bekommen? Damit habe es eigentlich nie Probleme gegeben, so Rellergerd. Und wie läuft der Arbeitsprozess ab? Werden die maschingeschriebenen Seiten eingescannt und per E-Mail verschickt? Nein, erklärt er. Bei ihm in der Nähe wohnt eine Frau, die das Manuskript abtippt und als Datei an den Verlag schickt. Bezahlt wird sie vom Verlag. Er selbst sieht seinen Roman erst dann wieder, wenn ihm das Belegexemplar zugeschickt wird.

Auf die Frage, ob noch andere seiner Kollegen mit der Schreibmaschine arbeiten, muss Rellergerd kurz nachdenken: „Es gibt einige, die ihre Romane mit dem Füller vorschreiben. Aber mit der Schreibmaschine? Nein, da kenne ich keine“, so der Autor abschließend.

Rodja

INFO: www.bastei.de

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Written by Gschichtldrucker

26. Juni 2015 um 11:53

Veröffentlicht in News

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